Beziehungen


Was ich über Familie, Beziehungen und Gemeinschaft gelernt habe
Je älter ich werde, desto mehr verstehe ich:
Ich kann Beziehungen nicht erzwingen.


Ich kann mir Gemeinschaft wünschen.
Ich kann auf Menschen zugehen.
Ich kann helfen, zuhören, Verständnis zeigen und immer wieder versuchen, eine Verbindung aufrechtzuerhalten.
Aber wenn ein anderer Mensch diese Verbindung nicht möchte oder nicht bereit ist, ebenfalls etwas dafür zu tun, kann ich mich noch so sehr verausgaben – es wird dadurch nicht automatisch eine gute Beziehung.
Im Gegenteil: Irgendwann verliere ich dabei vielleicht mich selbst.


Ich habe gelernt, genauer hinzuschauen.
Wenn jemand seine eigenen Fehler kaum sehen kann, bei mir aber jeden kleinen Fehler entdeckt und immer wieder darauf herumhackt, entsteht kein Miteinander auf Augenhöhe.
Wenn jemand Dinge an mir kritisiert, mit denen er selbst Schwierigkeiten hat, darf ich mich fragen, ob diese Kritik tatsächlich etwas über mich aussagt.
Wenn Dankbarkeit und Respekt von mir eingefordert werden, ich selbst aber weder Dankbarkeit noch Respekt erfahre, stimmt etwas nicht.
Wenn von mir erwartet wird, mich für die Interessen, Sorgen und Erlebnisse eines anderen Menschen zu interessieren, während für meine kaum echtes Interesse vorhanden ist, entsteht auf Dauer eine Einbahnstraße.
Und wenn ich immer diejenige sein muss, die anruft, schreibt, nachfragt, sich entschuldigt, erklärt, hilft oder versucht, den Kontakt wiederherzustellen, darf ich irgendwann aufhören hinterherzulaufen.


Beziehung braucht Gegenseitigkeit
Das bedeutet für mich nicht, dass in einer guten Beziehung immer alles exakt 50:50 sein muss.
Es gibt Zeiten, in denen einer mehr trägt als der andere. Wenn jemand krank ist, eine Krise erlebt oder einfach gerade wenig Kraft hat, kann eine Beziehung zeitweise sehr unausgeglichen sein.
Das ist menschlich.


Aber grundsätzlich sollte etwas spürbar sein:
Ich sehe dich – und du siehst mich.
Ich höre dir zu – und auch meine Stimme darf Raum haben.
Deine Grenzen zählen – und meine ebenfalls.
Deine Interessen sind wichtig – und meine dürfen es auch sein.


Ich muss nicht ständig beweisen, dass ich liebenswert bin.
Ich muss mir Zugehörigkeit nicht durch Leistung, Geschenke, Hilfsbereitschaft oder ständiges Nachgeben verdienen.
Und ich muss mich nicht immer kleiner machen, damit ein anderer größer sein kann.
Ich kann nur meinen Teil verändern


Vielleicht ist das eine meiner wichtigsten Erkenntnisse:
Ich kann einen anderen Menschen nicht dazu bringen, mich zu verstehen, mich zu respektieren oder eine Beziehung mit mir zu wollen.
Ich kann erklären, was mich verletzt.
Ich kann zuhören.
Ich kann mich für meine eigenen Fehler entschuldigen.
Ich kann an meinem Verhalten arbeiten.
Ich kann eine ausgestreckte Hand anbieten.
Aber ich kann niemanden zwingen, sie zu nehmen.
Und ich bin auch nicht dafür verantwortlich, die Fehler eines anderen Menschen aufzuarbeiten.


Loslassen bedeutet nicht, dass mir jemand egal ist
Das musste ich erst lernen.
Einen Schritt zurückzugehen bedeutet nicht automatisch, dass ich einen Menschen nicht mehr liebe.
Manchmal bedeutet es einfach:
Ich höre auf, etwas allein am Leben erhalten zu wollen, wofür es eigentlich zwei Menschen braucht.
Familie allein garantiert keine Nähe.
Gemeinsamer Glaube garantiert keine Gemeinschaft.
Und eine lange gemeinsame Geschichte garantiert noch keine gesunde Beziehung.


Nähe entsteht dort, wo Menschen einander wirklich wahrnehmen.
Wo man miteinander reden kann, ohne ständig gewinnen zu müssen.
Wo Fehler angesprochen werden dürfen, ohne einen Menschen auf seine Fehler zu reduzieren.
Wo ein Nein respektiert wird.
Wo man sich über die Freude des anderen freuen kann.


Und wo beide erleben dürfen:
Ich bin nicht nur wichtig, solange ich etwas leiste, gebe oder so funktioniere, wie du es von mir erwartest.


Heute möchte ich Beziehungen nicht mehr um jeden Preis festhalten.
Ich möchte Menschen Raum geben – aber auch mir selbst.
Ich möchte meinen Teil beitragen, ohne den Teil des anderen übernehmen zu müssen.
Und wenn jemand meinen Weg nicht mitgehen möchte, darf mich das traurig machen.
Aber ich muss mich deshalb nicht mehr verausgaben, um doch noch gewählt zu werden.
Denn echte Beziehung kann ich anbieten – aber niemals erzwingen.


Maria Weisse

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