Mehr Schein als Sein?
Heute einmal ein kritisches Thema.
In meinem Leben habe ich immer wieder erlebt, wie unterschiedlich das sein kann, was ein Mensch nach außen zeigt und wie er sich verhält, wenn niemand hinschaut.
Da ich besonders viele Erfahrungen im christlichen Umfeld gemacht habe, stammen einige meiner Beispiele aus diesem Bereich. Über andere Religionen möchte ich mir kein Urteil erlauben.
Ich erinnere mich an Menschen, die regelmäßig zum Gottesdienst gingen.
Man war passend gekleidet, übernahm Aufgaben, kannte die richtigen Worte und wusste, wie man sich zu verhalten hatte.
Nach außen sah vieles vorbildlich aus.
Und gleichzeitig erlebte ich eine andere Seite.
Wenn der Gottesdienst vorbei war
Da wurde darüber gesprochen, was andere getragen hatten.
„Hast du gesehen, was die heute anhatte?“
Ein Kind hatte sich angeblich unmöglich benommen.
Eine ältere Person war während des Gottesdienstes eingeschlafen.
Andere konnten etwas angeblich nicht gut genug und durften deshalb bestimmte Aufgaben nicht übernehmen.
Auch ich habe erlebt, dass nicht unbedingt entscheidend war, was jemand konnte oder gerne gemacht hätte. Beziehungen, Stellung oder das Amt der Eltern konnten eine Rolle dabei spielen, wer etwas durfte und wer nicht.
Und manches davon verstand ich schon damals nicht.
Nach dem Gottesdienst stiegen manche in große Autos und fuhren nach Hause.
Andere gingen weite Strecken zu Fuß – auch bei schlechtem Wetter.
Natürlich ist niemand verpflichtet, jeden anderen mitzunehmen.
Aber solche Situationen haben in mir schon früh eine Frage ausgelöst:
Was bedeutet Glaube eigentlich, wenn er unser Verhalten gegenüber anderen Menschen nicht berührt?
Und eine noch schwierigere Frage:
Wie reden wir miteinander, wenn die Kirchentür hinter uns geschlossen ist?
Wie gehen wir zu Hause miteinander um?
Denn dort gibt es keine schöne Sonntagskleidung, keine Kirchenbank und keine Aufgabe, hinter der wir uns verstecken können.
Aber das ist kein reines Kirchenthema.
Je älter ich werde, desto mehr merke ich:
Dieses Phänomen gibt es überall.
Menschen lassen andere einen großen Teil der Arbeit erledigen und nehmen anschließend gerne das Lob dafür entgegen.
Andere machen jemanden klein, damit sie selbst größer erscheinen.
Manchmal werden Geschichten verdreht oder Unwahrheiten über andere erzählt, damit das eigene Verhalten besser aussieht.
Und auch Social Media kann uns dazu verführen, hauptsächlich die Seite unseres Lebens zu präsentieren, die andere sehen sollen.
Deshalb möchte ich mit dem Finger nicht einfach auf „die anderen“ zeigen.
Denn die entscheidende Frage lautet für mich inzwischen:
Wie viel Schein und wie viel Sein gibt es eigentlich bei mir selbst?
Niemand lebt immer perfekt
Ich möchte nicht behaupten, dass ein Christ niemals über jemanden reden darf, niemals neidisch sein darf oder immer hilfsbereit und freundlich sein muss.
Das wäre wieder nur eine neue Fassade.
Wir sind Menschen.
Wir machen Fehler.
Wir haben schlechte Tage.
Wir können ungerecht sein, jemanden verletzen und später merken: Das war nicht richtig.
Für mich liegt der entscheidende Unterschied woanders:
Bin ich bereit, ehrlich hinzuschauen?
Kann ich einen Fehler zugeben?
Kann ich mich entschuldigen?
Kann ich einem anderen Menschen Anerkennung gönnen?
Kann ich jemanden groß sein lassen, ohne mich dadurch selbst kleiner zu fühlen?
Und stimmen die Werte, von denen ich spreche, wenigstens immer mehr mit der Art überein, wie ich tatsächlich lebe?
Jesus beeindruckte nicht durch eine Fassade
Gerade deshalb beschäftigt mich dieses Thema auch in meinem Glauben.
Jesus kritisierte religiöse Äußerlichkeit sehr deutlich. Besonders scharf wurde er dort, wo Menschen nach außen besonders fromm erschienen, während Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und Liebe zu kurz kamen.
Das fordert auch mich heraus.
Denn es ist leicht, über Liebe zu reden.
Schwieriger ist es, liebevoll mit einem Menschen umzugehen, der mir gerade auf die Nerven geht.
Es ist leicht, über Nächstenliebe zu sprechen.
Schwieriger ist es, einen Menschen wahrzunehmen, von dem ich selbst keinen Vorteil habe.
Es ist leicht, Respekt einzufordern.
Schwieriger ist es manchmal, selbst respektvoll zu bleiben.
Vielleicht zeigt sich unser Charakter deshalb weniger darin, was wir darstellen, sondern darin, wie wir mit Menschen umgehen, wenn es dafür keinen Applaus gibt.
Ich möchte lieber sein als scheinen.
Ich werde sicherlich weiterhin Fehler machen.
Ich werde nicht immer die richtigen Worte finden.
Und wahrscheinlich werde ich manchmal erst hinterher merken, dass ich etwas hätte anders machen können.
Aber eines wünsche ich mir:
Ich möchte nicht perfekt wirken müssen. Ich möchte echt sein dürfen.
Und wenn mein Glaube etwas in meinem Leben verändert, dann wünsche ich mir nicht zuerst, dass andere mich für besonders gläubig halten.
Ich wünsche mir, dass ich dadurch ein bisschen barmherziger werde.
Ein bisschen ehrlicher.
Ein bisschen aufmerksamer für Menschen, die leicht übersehen werden.
Und bereit, auch mein eigenes Verhalten immer wieder zu hinterfragen.
Denn am Ende zählt für mich nicht, wie überzeugend die Fassade aussah.
Nicht der Schein macht einen Menschen groß, sondern das, was von ihm übrig bleibt, wenn niemand zuschaut.
Maria Weisse



