Viele Jahre meines Lebens habe ich mich angepasst – auch bei meiner Kleidung.
Ich wurde 1975 in eine Familie geboren, die von Sozialhilfe lebte. Neue Kleidung war keine Selbstverständlichkeit. Vieles bekam ich von Verwandten oder vom Roten Kreuz. Oft passten die Sachen nicht richtig oder waren unbequem.
Auch mein Aufwachsen in der Neuapostolischen Kirche beeinflusste mich. Bestimmte Kleidung und Farben waren üblich, und ich lernte früh, darauf zu achten, was in meinem Umfeld als passend angesehen wurde.
Dieses Muster nahm ich mit ins Erwachsenenleben.
Ob im Büro, bei Elternabenden, in der Kirche oder bei anderen Gelegenheiten: Ich beobachtete die Menschen um mich herum und überlegte, was man dort wohl trägt.
Irgendwann konnte ich meine Kleidung natürlich selbst kaufen.
Aber innerlich war ich noch lange nicht frei darin.
2020 kam mein Wendepunkt
Während eines stationären Klinikaufenthaltes begann ich, eine ganz andere Frage zu stellen:
Wer bin ich eigentlich?
Nicht: Wer soll ich sein?
Nicht: Was erwarten andere von mir?
Sondern wirklich: Wer bin ich?
Diese Auseinandersetzung veränderte vieles in meinem Leben. Sie führte unter anderem zu meiner Vornamensänderung. Aber auch äußerlich begann ich mich neu zu entdecken.
Meine Haare veränderten sich. Meine Brille veränderte sich. Und meine Kleidung.
Ich begann auszuprobieren.
Was gefällt mir?
Welche Farben mag ich?
Worin fühle ich mich wohl?
Worin fühle ich mich nicht verkleidet, sondern wirklich wie ich selbst?
Diese Entdeckungsreise dauert bis heute an.
Ich muss keinem Ideal entsprechen
Wenn wir Kataloge anschauen oder durch Geschäfte gehen, sehen wir häufig Menschen, an denen Kleidung scheinbar perfekt sitzt.
Ich bin klein und mollig.
Früher hätte mich das vielleicht stärker beschäftigt. Heute denke ich anders darüber.
Denn ein Kleidungsstück muss nicht an einem Model gut aussehen.
Es muss zu mir passen.
Und dabei geht es für mich um viel mehr als die richtige Größe.
Manchmal gefällt mir ein leuchtend roter Hoodie. An einem anderen Tag fühle ich mich in einer blau-weiß geblümten Bluse wohl.
Beides bin ich.
Ich muss mich nicht mehr für einen bestimmten „Typ“ entscheiden, damit andere mich einordnen können.
Eine kleine Frage mit großer Wirkung
Heute frage ich beim Aussuchen meiner Kleidung nicht mehr zuerst:
„Was trägt man?“
Ich frage:
„Was gefällt mir?“
Das klingt vielleicht nach einer Kleinigkeit.
Für jemanden, der einen großen Teil seines Lebens damit verbracht hat, sich an anderen zu orientieren, ist es das nicht.
Es ist ein Stück Freiheit.
Und vielleicht ist genau das eine meiner wichtigsten Entdeckungen:
Ich muss nicht aussehen wie andere, um richtig zu sein.
Ich darf herausfinden, wie ich selbst aussehen möchte.
Und auch mit 51 bin ich damit noch lange nicht fertig.
Zum Glück.
Maria Tabitha Weisse



