Akzeptanz und das Schützen eigener Grenzen

Akzeptanz und das Schützen eigener Grenzen


Es hat viele Jahre gedauert, bis ich etwas gelernt habe, das für andere vielleicht ganz selbstverständlich klingt:


Ich darf Grenzen haben.

Und ich darf diese Grenzen schützen.
Lange Zeit war das für mich alles andere als selbstverständlich.


Früh gelernt zu funktionieren
Schon als Kind war ich es gewohnt, Verantwortung zu übernehmen. Ich half im Haushalt, passte auf jüngere Geschwister auf, half bei schweren Einkäufen und lernte, Verpflichtungen zuverlässig nachzukommen.
Auch Kirche und Glaube spielten in meinem Alltag eine große Rolle. Regelmäßig und pünktlich Veranstaltungen zu besuchen und möglichst nichts zu versäumen, gehörte für mich einfach dazu.
Ich möchte damit heute niemandem einen Vorwurf machen.

Wenn ich jedoch zurückblicke, erkenne ich ein Muster:
Ich habe sehr früh gelernt zu funktionieren.
Was brauche ich?
Was tut mir gut?
Wann wird mir etwas zu viel?


Solche Fragen spielten kaum eine Rolle.
Immer noch ein bisschen mehr leisten
Dieses Denken nahm ich mit in mein Erwachsenenleben.


Als ich eine eigene Wohnung und später eine Familie hatte, wollte ich möglichst alles richtig machen. Die Wohnung sollte sauber sein, ich wollte für meine Familie gut und frisch kochen und im Beruf zuverlässig sein.
Bei meinem ersten Arbeitgeber erlebte ich einen sehr schwierigen und cholerischen Umgangston. Dadurch wurde meine Angst, Fehler zu machen, noch größer.


Selbst krank zu sein fühlte sich irgendwann wie etwas an, das ich mir eigentlich nicht erlauben durfte.


Nach einem Herzstillstand erlebte ich sogar, dass ich noch während meines Aufenthalts auf der Intensivstation meine Kündigung bekam.


Auch mein Aussehen wurde zu einem Thema. Wenn ich hörte, dass andere Frauen besser aussehen würden, entstand in mir wieder derselbe Gedanke:


Dann musst du eben noch mehr an dir arbeiten.
Ich verglich mich mit Menschen in meinem Alter und dachte:
Wenn andere das schaffen, muss ich das doch auch schaffen.


Heute weiß ich, wie sehr mich dieses Denken immer wieder über meine eigenen Grenzen getrieben hat.


Was bin ich wert, wenn ich nicht mehr leisten kann?
Als ich dauerhaft krank wurde und schließlich nicht mehr arbeiten konnte, brach für mich vieles zusammen.
Denn wenn man jahrelang den eigenen Wert mit Leistung verbunden hat, entsteht plötzlich eine schmerzhafte Frage:
Was bin ich eigentlich noch wert, wenn ich nicht mehr so viel leisten kann wie andere?


Hinzu kamen Reaktionen aus meinem Umfeld, die mich belasteten.

Ich verlor Freundschaften, meine Erkrankungen wurden teilweise angezweifelt und ich hörte Aussagen, ich würde nur simulieren.
Auch im Zusammenhang mit meinem Glauben begegnete mir die Vorstellung, ich würde vielleicht nicht genug beten oder glauben oder mich zu sehr mit meiner Vergangenheit beschäftigen.
Ich schreibe das nicht, um heute Menschen anzuklagen.
Ich schreibe darüber, weil Worte etwas mit einem Menschen machen können.


Und weil ich inzwischen etwas verstanden habe:
Eine Krankheit ist keine Charakterschwäche.
Und eine persönliche Grenze ist kein persönliches Versagen.
Nicht jeder Tag ist gleich
In den vergangenen Jahren habe ich viel über mich gelernt.
Ich habe mich beispielsweise mit Hochsensitivität beschäftigt und darin vieles wiedererkannt. Reize, Geräusche und Stimmungen können mich sehr intensiv erreichen und entsprechend Kraft kosten.
Und ich habe gelernt, dass meine Belastbarkeit nicht jeden Tag gleich ist.
Es gibt Tage, an denen ziemlich viel möglich ist. An anderen geht deutlich weniger. Und manchmal brauche ich nach einer Anstrengung längere Zeit, um mich zu erholen.
Das anzunehmen fällt mir bis heute nicht immer leicht.


Manchmal kommt noch der Gedanke:
Gestern ging es doch auch. Warum geht es heute nicht?
Doch inzwischen antworte ich mir:
Gestern war gestern. Heute ist heute.


Ich kann an einem Tag spazieren gehen und am nächsten Ruhe brauchen.
Ich kann lachen und trotzdem krank sein.
Ich kann malen, Klavier spielen oder ein YouTube-Video aufnehmen und trotzdem Einschränkungen haben.
Ich kann einen wunderschönen Tag erleben und anschließend völlig erschöpft sein.
Das eine macht das andere nicht unwahr.


Was Akzeptanz für mich bedeutet
Akzeptanz bedeutet für mich nicht, dass ich meine Erkrankungen gut finden muss.
Sie bedeutet auch nicht, dass ich aufgebe.
Natürlich gibt es Dinge, die ich gerne wieder könnte. Es gibt Möglichkeiten, die ich vermisse, und manches darf auch betrauert werden.


Akzeptanz bedeutet für mich heute etwas anderes:
Ich möchte aufhören, ständig gegen mich selbst zu kämpfen.
Statt mich zu fragen:
Warum schaffe ich nicht genauso viel wie andere?
darf ich mich fragen:
Was geht heute?
Was brauche ich heute?
Wo liegt heute meine Grenze?
Diese Veränderung klingt klein. Für mich ist sie riesig.
Eine Grenze wahrzunehmen reicht nicht
Ich lerne noch etwas:
Es genügt nicht, meine Grenzen zu erkennen. Ich muss mir auch erlauben, sie zu schützen.
Ich darf Nein sagen, wenn mir etwas zu viel wird.
Ich darf eine Verabredung absagen, wenn es nicht geht.
Ich darf eine Pause machen.
Ich darf um Hilfe bitten.
Ich darf Dinge anders machen als andere Menschen.
Und ich muss meine Kräfte nicht ständig mit denen anderer vergleichen.


Natürlich bedeutet Grenzen setzen für mich nicht, keinerlei Rücksicht mehr auf andere Menschen zu nehmen. Unsere Bedürfnisse treffen im Zusammenleben immer wieder aufeinander.
Aber auch meine Bedürfnisse dürfen dabei einen Platz haben.
Mein Wert hängt nicht von meiner Leistung ab


Vielleicht ist das eine der wichtigsten Erkenntnisse meines bisherigen Lebens:
Mein Wert verändert sich nicht mit meiner Leistungsfähigkeit.


Und das gilt nicht nur für mich.
Jeder Mensch ist wertvoll – gesund oder krank, arm oder reich, dick oder dünn, mit Behinderung oder ohne.


Wir leben in einer Welt, in der Leistung häufig eine große Rolle spielt. Schneller, besser, erfolgreicher, belastbarer – immer noch ein bisschen mehr.


Aber vielleicht besteht Stärke manchmal in etwas ganz anderem.
Vielleicht ist Stärke auch, rechtzeitig zu erkennen:
Bis hierher. Für heute reicht es.
Ich habe sehr lange gebraucht, um mir das zu erlauben. Und ich lerne es noch immer.


Heute weiß ich jedoch:
Ich darf Grenzen haben.
Ich darf sie schützen.
Ich darf Pausen brauchen.
Ich darf Hilfe annehmen.
Und mein Wert wird dadurch nicht kleiner.


Vielleicht möchtest du dir heute selbst eine Frage stellen:
Wo gehe ich über meine eigenen Grenzen, nur weil ich glaube, etwas leisten oder den Erwartungen anderer entsprechen zu müssen?


Und vielleicht darf die Antwort darauf der Anfang davon sein, ein wenig freundlicher mit dir selbst umzugehen.


Maria Weisse

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