Zweifel – und den Mut, eine Entscheidung zurückzunehmen
Jahrzehntelang bin ich mit der Vorstellung aufgewachsen:
Zweifel kommen vom Teufel.
Wenn Zweifel auftauchten, hatte ich deshalb nicht nur Zweifel – ich bekam auch noch Angst vor meinen eigenen Gedanken.
Heute frage ich mich:
Warum eigentlich? Sind Zweifel wirklich immer etwas Schlechtes?
Ich denke inzwischen: Nein.
Zweifel können mich verunsichern.
Aber sie können mich auch dazu bringen, genauer hinzuschauen, Fragen zu stellen, nachzudenken, zu prüfen und eine Entscheidung noch einmal ehrlich vor Gott zu bewegen.
Vielleicht ist Glaube nicht, niemals zu zweifeln.
Vielleicht bedeutet Glaube manchmal auch, mit meinen Fragen zu Jesus zu kommen und darauf zu vertrauen, dass er meine Fragen aushält.
Und dann gibt es noch etwas, das für mich ganz neu ist:
Eine bereits getroffene Entscheidung zurückzunehmen.
Das habe ich bisher kaum gekonnt.
Früher habe ich Zweifel und Bedenken häufig unterdrückt, weil ich niemanden enttäuschen wollte. Ich wollte Erwartungen erfüllen und hatte Angst davor, was andere über mich denken könnten.
Dadurch bin ich manchmal länger in Kirchen, Gemeinschaften oder Beziehungen geblieben, obwohl ich längst gespürt habe, dass etwas für mich nicht mehr stimmig ist.
Dieses Mal habe ich etwas anders gemacht.
Meine Taufe und die Aufnahme in die Adventgemeinde waren für den 12. September bereits geplant. Menschen haben sich Gedanken gemacht, organisiert und sich mit mir darauf gefreut.
Und trotzdem habe ich jetzt gesagt:
Nein. Noch nicht.
Nicht aus Trotz.
Nicht, weil mir mein Glaube plötzlich unwichtig geworden ist.
Und auch nicht, weil ich Jesus den Rücken kehren möchte.
Sondern gerade weil mir mein Glaube wichtig ist.
Eine Taufe und die Entscheidung für eine Gemeinde sind für mich zu bedeutend, um sie aus Pflichtgefühl oder aus Angst vor der Enttäuschung anderer zu vollziehen.
Und etwas überrascht mich:
Seit ich die Entscheidung ausgesprochen habe, spüre ich neben all der Unsicherheit auch Erleichterung und inneren Frieden.
Gleichzeitig fällt es mir schwer auszuhalten, dass andere Menschen vielleicht enttäuscht sind.
Ich lerne gerade etwas, das für mich völlig neu ist:
Ich darf andere enttäuschen, ohne sie absichtlich zu verletzen.
Ich darf eine Entscheidung überdenken.
Ich darf Fragen stellen.
Ich darf mir Zeit nehmen.
Und ich darf eine Entscheidung zurücknehmen, wenn ich merke, dass ich sie im Moment nicht aus voller Überzeugung tragen kann.
Das bedeutet nicht, dass ich nie wieder eine Entscheidung treffen werde.
Es bedeutet nur:
Heute möchte ich nicht mehr aus Angst entscheiden, sondern aus Überzeugung.
Vielleicht sind Zweifel manchmal nicht das Ende eines Weges.
Vielleicht sind sie eine Einladung, noch einmal genauer hinzuschauen, zu prüfen und herauszufinden, welcher Weg wirklich der eigene ist.
Und vielleicht braucht es manchmal sogar mehr Mut, „Noch nicht“ zu sagen, als einfach weiterzumachen.
Maria Weisse


