Werte erhalten- und trotzdem weiter denken


Werte erhalten – und trotzdem weiterdenken
Gestern blieb mein Blick an einem Satz hängen:
„Werte erhalten und nutzbar gestalten.“
Eigentlich ein Werbespruch auf einem Fahrzeug.
Doch irgendwie ließ er mich nicht mehr los.


Wir alle wachsen mit unterschiedlichen Werten und Vorstellungen auf.

Unsere Familie prägt uns, später kommen Kindergarten, Schule, Freundschaften, Kirche, Beruf und viele persönliche Erfahrungen hinzu.
Dabei lernen wir, was angeblich richtig und falsch, wichtig und unwichtig ist.


Doch was machen wir als Erwachsene damit?
Übernehmen wir alles ungefiltert und geben es genauso an die nächste Generation weiter?
Lehnen wir irgendwann aus Enttäuschung oder Rebellion alles ab?
Oder gibt es noch einen dritten Weg?
Hinterfragen. Prüfen. Das Gute behalten. Und manches neu verstehen.


Ich bin ein Mensch, der vieles hinterfragt. Und trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – sind Werte für mich wichtig.
Zum Beispiel:
Ehrlichkeit. Respekt. Verantwortung. Hilfsbereitschaft. Gerechtigkeit. Sicherheit. Leistung. Mitgefühl. Verlässlichkeit.
Doch ich habe gelernt, dass auch Werte manchmal neu eingeordnet werden müssen.


Leistung
Leistung war für mich lange eng mit meinem eigenen Wert verbunden.
Wenn ich genug leiste, bin ich wertvoll.
Dann kam ein Wendepunkt. Ich wurde krank und konnte vieles nicht mehr leisten, was vorher selbstverständlich gewesen war.
Und plötzlich fühlte ich mich wertlos.
Heute sehe ich das anders:
Leistung darf etwas Gutes sein. Aber meine Leistung bestimmt nicht meinen Wert.
Ein Mensch, der arbeitet, ist nicht mehr wert als ein Mensch, der nicht arbeiten kann.
Ein Mensch bleibt wertvoll – auch wenn er krank ist, Hilfe braucht, Fehler macht oder gerade überhaupt nichts leisten kann.


Ehrlichkeit
Ehrlichkeit ist mir sehr wichtig.
Manchmal bin ich sogar so direkt, dass ich damit anecke. Gleichzeitig habe ich erlebt, dass Menschen sehr unterschiedlich mit Wahrheit umgehen.
Heute sehe ich auch Ehrlichkeit differenzierter.
Ehrlichkeit sollte nicht als Waffe benutzt werden.
Nicht alles, was wahr ist, muss ich einem anderen Menschen ungefragt und schonungslos ins Gesicht sagen.
Ich kann ehrlich und gleichzeitig liebevoll sein.
Und es gibt außergewöhnliche Situationen, in denen für mich der Schutz eines Menschen höher steht als die Pflicht, die Wahrheit zu sagen.
Meine Oma versteckte Juden und belog die SS, um Menschen vor dem Tod zu bewahren.
Kann ich eine solche Lüge mit einer Lüge vergleichen, mit der jemand Verantwortung für sein eigenes Verhalten vermeiden möchte?
Für mich nicht.
Das hat mir gezeigt:
Manchmal reicht es nicht, nur eine Regel anzuschauen. Wir müssen auch fragen, welchem höheren Wert unser Handeln dient.


Respekt
Oft höre ich:
„Ich möchte respektvoll behandelt werden.“
Dem stimme ich zu.
Aber manchmal höre ich auch:
„Der hat keinen Respekt verdient.“
Da denke ich inzwischen anders.
Ich muss nicht jedes Verhalten respektieren.
Ich muss nicht jeder Meinung zustimmen.
Ich darf Grenzen setzen und deutlich Nein sagen.
Aber ich kann trotzdem versuchen, einem Menschen mit grundlegender Achtung zu begegnen.
Denn für mich besitzt jeder Mensch Würde – auch derjenige, dessen Verhalten ich ablehne.


Verantwortung
Auch Verantwortung gehört für mich zu einem guten Miteinander.
Ich möchte Verantwortung für mein eigenes Handeln übernehmen.
Wenn ich einen Fehler gemacht habe, darf ich ihn eingestehen.
Wenn ich jemanden verletzt habe, darf ich mich entschuldigen.
Wenn eine Entscheidung Folgen hat, darf ich mich diesen Folgen stellen.
Aber auch hier habe ich etwas Wichtiges gelernt:
Verantwortung übernehmen bedeutet nicht, die Verantwortung für alles zu übernehmen.
Ich bin verantwortlich für mein Verhalten.
Der andere ist verantwortlich für seines.


Hilfsbereitschaft
Auch Hilfsbereitschaft ist ein wichtiger Wert.
Aber helfen bedeutet nicht, sich selbst vollkommen aufzugeben.
Ich darf für andere da sein und gleichzeitig meine eigenen Grenzen kennen.
Ein Nein macht einen hilfsbereiten Menschen nicht plötzlich egoistisch.


Gerechtigkeit
Gerechtigkeit bedeutet für mich heute auch nicht mehr unbedingt:
Jeder bekommt exakt dasselbe.
Menschen haben unterschiedliche Voraussetzungen und Bedürfnisse.
Manchmal bedeutet Gerechtigkeit deshalb gerade, Unterschiede zu berücksichtigen.

Vielleicht sind Werte ein bisschen wie ein altes Gebäude.
Nicht alles Alte muss abgerissen werden.
Aber auch nicht alles muss unverändert bleiben, nur weil es schon immer so war.
Wir dürfen anschauen:
Was trägt noch?
Was ist wertvoll?
Was braucht Veränderung?
Was möchte ich weitergeben?
Und was soll mit mir enden?


Genau deshalb gefällt mir dieser Satz so gut:
„Werte erhalten und nutzbar gestalten.“


Ich möchte Werte nicht einfach übernehmen.
Ich möchte sie auch nicht aus Enttäuschung über Bord werfen.
Ich möchte sie prüfen, verstehen und bewusst leben.
Denn vielleicht bedeutet persönliche Entwicklung nicht, alle alten Werte loszulassen.
Vielleicht bedeutet sie, aus übernommenen Werten irgendwann eigene, bewusst gewählte Werte zu machen.


Maria Weisse

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