Sabbat – was bedeutet Ruhetag für mich?

Sabbat – was bedeutet Ruhetag für mich?
Wie sieht eigentlich ein Ruhetag aus?


Als Kind wurde ich damit geprägt, dass der Sonntag der Ruhetag ist. Sonntags geht man in den Gottesdienst, man arbeitet nicht und möglichst schon bei der Berufswahl sollte darauf geachtet werden, dass sonntags nicht gearbeitet werden muss.
So hatte ich lange eine ziemlich klare Vorstellung davon, wie ein Ruhetag auszusehen hat.


In den vergangenen Jahren habe ich allerdings etwas erkannt:
Für mich persönlich war das nicht unbedingt Ruhe.
Denn wenn ich an einem Ruhetag ständig darüber nachdenke:
Was darf ich heute?
Was darf ich nicht?
Muss ich irgendwo hingehen?
Mache ich es richtig?
… dann kann auch ein Ruhetag plötzlich ziemlich anstrengend werden.


Was bedeutet Ruhe heute für mich?
Heute verstehe ich einen Ruhetag anders.


Ruhe bedeutet für mich zunächst einmal:
Ich muss nichts.
Keine Verpflichtung, irgendwo hinzugehen. Kein schlechtes Gewissen, weil ich etwas anders mache als andere. Und kein ständiges Überlegen, ob eine bestimmte Tätigkeit nun erlaubt oder verboten ist.


Wenn das Wetter schön ist, gehe ich vielleicht eine Runde durch die Natur.
Vielleicht liege ich aber auch in der Badewanne und lese ein gutes Buch.
Ich höre Musik, bete, denke nach oder genieße einfach die Stille.
Und manchmal bedeutet Ruhe tatsächlich: gar nichts zu planen.


Jeder Mensch kommt anders zur Ruhe.
Das ist mir dabei besonders wichtig geworden.


Was mir Ruhe schenkt, muss für einen anderen Menschen überhaupt nicht erholsam sein.


Der eine findet Ruhe beim Wandern. Ein anderer beim Lesen. Jemand arbeitet gerne im Garten, hört Musik, malt, betet oder sitzt einfach mit einer Tasse Kaffee da.


Deshalb möchte ich nicht von mir auf andere schließen.


Vielleicht geht es bei einem Ruhetag weniger darum, für alle Menschen dieselben Regeln aufzustellen, sondern zunächst einmal darum, überhaupt wieder zu lernen, zur Ruhe zu kommen.


Nicht mehr nur einmal in der Woche.
Früher wartete ich auf den einen Ruhetag in der Woche.


Heute versuche ich, mir jeden Tag kleine Zeiten der Ruhe zu erlauben.


Ich brauche diese Zeiten.
Um meine Gedanken zu sortieren.
Um Erlebtes und Eindrücke zu verarbeiten.
Um nachzudenken und zu planen.
Um in mich hineinzuhören:
Was tut mir gerade gut?
Was fühlt sich nicht stimmig an?
Was beschäftigt mich?
Und wie möchte ich damit umgehen?
Auch für meinen Glauben sind solche stillen Zeiten wertvoll geworden. Nicht, weil ich dabei etwas Bestimmtes leisten muss, sondern weil Ruhe Raum schafft – für meine Gedanken, für ein Gebet und für Gott.


Vielleicht ist das für mich heute der eigentliche Sinn eines Ruhetages:
Nicht noch eine weitere Pflicht zu erfüllen, sondern für eine Weile aus dem Müssen auszusteigen.
Und ich merke zunehmend:
Ich muss mit Ruhe nicht bis zum nächsten Sabbat oder Sonntag warten.
Meine Seele darf jeden Tag ein bisschen Sabbat haben.


Maria Weisse

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