Heute habe ich beim Spazierengehen diesen Esel fotografiert.
Während ich ihn beobachtete, fielen mir plötzlich einige Sprüche ein, die ich schon als Kind gehört habe:
„Dumm wie ein Esel.“
„Der Esel nennt sich immer zuerst.“
„Wenn es dem Esel zu wohl ist, geht er aufs Eis.“
Eigentlich erstaunlich, was solche scheinbar harmlosen Sätze vermitteln können.
Nenn dich nicht zuerst. Stell dich hinten an. Nimm dich nicht so wichtig. Und wenn es dir zu gut geht, pass auf – sonst wirst du noch übermütig.
Ich glaube, einiges davon habe ich lange unbewusst mitgenommen.
Sich selbst zurückzunehmen galt als etwas Gutes. Anderen den Vortritt zu lassen ebenfalls.
Natürlich sind Rücksichtnahme und Bescheidenheit wertvoll.
Aber bedeutet das wirklich, dass ich immer zuletzt kommen muss?
Heute denke ich: Nein.
Während ich den Esel weiter beobachtete, kam mir noch etwas anderes in den Sinn.
Könige und Herrscher wurden häufig auf prächtigen Pferden dargestellt.
Und dann denke ich an die Weihnachtsgeschichte: Maria wird traditionell auf dem Weg nach Bethlehem auf einem Esel dargestellt.
Und Jesus?
Als er nach Jerusalem einzog, wählte er keinen prächtigen Hengst. Er ritt auf einem Esel.
Ein Tier, das in unseren Redewendungen so oft für Dummheit und Lächerlichkeit herhalten muss, bekommt plötzlich eine ganz andere Bedeutung.
Und je länger ich heute diesen Esel beobachtete, desto weniger konnte ich verstehen, warum wir ihn überhaupt mit Dummheit verbinden.
Er stand einfach da und fraß.
Keine Hektik.
Kein Imponieren.
Kein Vergleich.
Keine Aufregung.
Er strahlte eine herrliche Ruhe aus – und irgendwann merkte ich, dass auch ich beim Zuschauen ruhiger wurde.
Esel sind keineswegs einfach „dumm“.
Sie sind soziale und sensible Tiere. Und manches Verhalten, das wir als Sturheit bezeichnen, hat auch mit Vorsicht und einem ausgeprägten Selbsterhaltungstrieb zu tun.
Vielleicht können wir sogar davon etwas lernen.
Auch wenn ich auf Jesus schaue, entdecke ich nicht einen Menschen, der sich von jeder Situation zu einer Reaktion treiben ließ.
Er zog sich immer wieder zurück. Er suchte die Stille und das Gebet, die Verbindung zu seinem himmlischen Vater.
Und gleichzeitig bestand sein Leben nicht nur aus Ernst und Verzicht. Jesus war bei Menschen zu Gast, aß mit ihnen und nahm an einer Hochzeit teil.
Glaube bedeutet für mich deshalb heute nicht:
Ich darf mich niemals wichtig nehmen.
Ich muss mich immer zurückstellen.
Mir darf es bloß nicht zu gut gehen.
Ich darf anderen Gutes tun – und trotzdem auf mich achten.
Dazu fällt mir immer wieder ein Beispiel ein, das ich einmal gelernt habe:
Im Flugzeug soll man im Notfall zuerst die eigene Sauerstoffmaske aufsetzen und danach einem Kind oder anderen Menschen helfen.
Nicht aus Egoismus.
Sondern weil ich nur helfen kann, wenn ich selbst noch Luft bekomme.
Vielleicht darf ich deshalb einen alten Spruch für mich neu formulieren:
Der Esel darf sich auch einmal zuerst nennen.
Und ich darf das ebenfalls.
Ich darf Rücksicht nehmen, ohne mich selbst zu vergessen.
Ich darf anderen helfen, ohne mich dabei aufzubrauchen.
Ich darf Freude haben, ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen.
Und ich darf zur Ruhe kommen, bevor mein Körper mich dazu zwingt.
Vielleicht war der Esel heute gar nicht so dumm.
Vielleicht war er mein Lehrer.
Maria Weisse



